PETER VOIGT

Beobachtungen zu den Gemälden von Peter Voigt

Neben den Anhängern des Automatismus in der Malerei und den Nachfahren des Suprematismus behauptet sich immer stärker (wenn auch durch den Mangel an public relation weniger vordergründig) insbesondere bei den zwischen den beiden Kriegen Geborenen eine künstlerische Gesinnung, die jede Aussage in Beziehung zum Menschen setzt und, indem sie sich diesem nähert, das Menschsein (nicht das personifizierte Individuum) schlechthin zur Bildaussage und zum geistigen Kraftfeld der gestalterischen Konzeption erhebt. Diese Haltung bewährt sich zwischen den beiden Extremen als dritte Kraft – unübersehbar. Aus der Fülle von Einzelinterpretationen kristallisiert sich behutsam wachsend das Bild vom Menschen in unserer Zeit; dabei wird weitgehend auf die kompositorischen Lehren eines bewährten Akademismus verzichtet. Statt ihrer werden alle technischen und ästhetischen Erfahrungen der Konstruktivisten und der Informellen sinnvoll berücksichtigt, deren sich zumeist exklusiv gebärdenden Exerzitien offensichtlich Teilbezirke der bildnerischen Sprache ausgelotet haben. Gilt es, eine Fläche teilend zu ordnen, die Farbe zur Aussage zu bringen, Raum und Zeichen zur Einheit zu führen – die bildnerischen Mittel werden als Möglichkeiten erkannt, sich zu Medien zu verdichten, um das eigentliche, sich verbergende Anliegen sichtbar zu machen: im Menschen den Brennpunkt geistigen Verhaltens, sinnlichen Erlebens, schöpferischer Phantasie aufzuspüren; durch Geste und Handlung, durch Maß und Raumsituation die Einheit jener Formvisionen zu verwirklichen, in denen Geahntes und Erkanntes sich begegnen.

Die Qualität und Vielfalt der vorliegenden Malereien spiegelt den Ernst, mit dem sich die einzelnen Künstler dieser Aufgabe zuwenden – wohl wissend, dass dieses Bild vom Menschen sozusagen ein neuerlicher Versuch ist, die Komplexheit des Begriffes ‚Mensch‘ mit den bildnerischen Mitteln unserer Gegenwart zu fixieren. Noch gibt es keine formale Übereinkunft, wie dieses Bild vom Menschen aussehen müsste. Jeder Einzelne tastet sich langsam an die Wesenheit und Erscheinung heran, die ihm gemäß ist.

Bei Peter Voigt wachsen aus der Stimulans des ‚opaken‘ Farbgrundes mit seiner innewohnen den Flächenordnung die Gesichte. In einer eigentümlich fluktuierenden, nur von ungefähr zu definierenden Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen dem Einzelnen und der Vielzahl leben diese Gesichter – die nur verhaltene Merkmale persönlicher Existenz aufweisen, wohl anwesend sind, aber ihre Teilnahme an dem Geschehen verbergen, das sich in dem imaginären Raum vollzieht, dem sie zugehören. Sie führen eine schemenhafte Existenz und die Dynamik einzelner Bilder beruht nicht auf Handlung, sondern wird durch die Farbe bewirkt, vor allem durch die Verzahnung von Raum und Wesen. Aktivierend ist das Verhältnis der Raumebenen zu den ihnen zugeordneten Gesichtern; aktivierend sind die Intervalle zwischen Vordergründigem und Nachgeordnetem, wobei die Intervalle zwischen möglicher Natur und wirklicher Natur in unseren Wahrnehmungsbereich gerückt werden. Spontaneität des Farbauftrages wechselt mit disziplinierender Farbbeziehung, Lichtformen stehen in Zwiesprache mit Schattenformen. Schwerelos verharren die menschlichen Wesen (menschliche Wesen reduziert auf Gesichte) im anonymen, durchfluteten, aber unbelebten Raum. Dieser Raum weist keine Verbindung zu dem uns gewohnten auf – er kennt nicht die Vegetation, nicht das Tier, nicht die von Menschenhand und aus seiner Vorstellung erwachsene Welt – kein Haus, kein Gefäß. Die Körperlosigkeit der Menschen! Wie durch eine imaginäre, transparente Fläche von uns getrennt, befinden sie sich uns gegenüber. Ohne Physiognomie, besitzen sie fordernde Geistigkeit, die es verunklärt, wer nun der Betrachtende, wer der Betrachtete ist – wer fördert, wer wägt?

Wir vermögen noch nicht, die Beziehung zu schaffen, die Antwort zu geben allein aus der differenzierenden Erkenntnis des Bildinhaltes. Schöpferische Vision und nachfolgender Wille werden durch die bildnerischen Mittel geordnet und vergegenwärtigt, das spüren wir. Aber das Geheimnis, das wir hinter und in allem Menschsein verborgen wissen, bleibt verschlüsselt. Dieses Irrational-Bleiben dessen, dem wir mit vielfältigen Assoziationen die Bezeichnung ‚Mensch‘ geben, ist ein wesentliches Zeichen der Bildgehalte des Malers Peter Voigt.

Ulrich Gertz

Peter Voigt, Galleria d’Arte Totti (Hg.), Mailand 1961, o. S.