PETER VOIGT

Der Maler und Grafiker Peter Voigt

Im Frühjahr wurde der zu Gedenken an den bekannten Simplizissimus-Zeichner von der Stadt Braunschweig gestiftete Rudolf-Wilke-Preis zum vierten Mal verliehen. Die Kommission, die dem Rat der Stadt ihren Vorschlag zu unterbreiten hat, entschied sich für Peter Voigt, der schon damals die Klasse ‚Freie Malerei‘ an der Werkkunstschule leitete und der in verschiedenen Ausstellungen mit bemerkenswerten Bildern hervorgetreten war.

In den Grundsätzen für die Verleihung des Rudolf-Wilke-Preises heisst es, dass er einem bildenden Künstler zuerkannt wird, um ihm zur Förderung seines Schaffens eine Auslandsreise zu ermöglichen. Voigt nutzte die Ehrengabe zu einem längeren Aufenthalt in Ravenna, Orvieto und Urbino. Bereits vorher hatte er Studienfahrten nach Frankreich und Schweden unternommen sowie in die Schweiz. Er gehört nicht zu den Künstlern, die lokale Bindungen suchen, sondern hat von Anfang an das Bemühen um einen erweiterten Horizont als Voraussetzung für seine Arbeit angesehen. Am 19. Februar 1925 in Braunschweig geboren, setzte Peter Voigt nach erfolgreichem Besuch der hiesigen Werkkunstschule sein Studium in Hamburg fort (Freie Grafik bei Prof. Alfred Mahlau) und wurde später (1948 bis 1953) an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin Schüler der Professoren Heinz Fuchs und Graf Luckner. Diese akademische Lehrzeit schloss er mit dem Staatsexamen und schuf die Bedingungen für seine Berufung an die Werkkunstschule Braunschweig, an der er die Nachfolge Bruno Müller-Linows antrat. Voraus ging eine Zeit, die er als freier Maler verbrachte und in der größere Arbeiten vollendet wurde, u.a. verschiedene Wandmalereien.

In dieser Zeitschrift ist Voigt zum ersten Mal 1958 vorgestellt worden mit einer jener frei und locker hingeschriebenen Illustrationen, die er für die bibliophile Braunschweiger Ausgabe zweier Erzählungen von Friedrich Huch beigesteuert hat. Ein Jahr später zeigten wir die Eingangswand des Feierraums im Krematorium der Stadt Braunschweig: ein großes farbiges Fenster in Bleiverglasung. Der Künstler fand hier eine überzeugende Lösung, die durch dunkle Bleirippen grafisch markiert wird. Inzwischen hat Voigt nicht nur eine Wandmalerei in Senigallia (Italien) fertiggestellt, er ist auch in seinem Braunschweiger Atelier überaus produktiv gewesen. Mehrere Ausstellungen machten mit dem Ergebnis bekannt, zuletzt in Mailand (Galleria d’Arte Totti) und in Rom (Galleria Passeggiata die Ripetta). Voigt verdankt seinen Erfolg der Konsequenz, mit der er sich entwickelte, mit der er von sich fernhielt, was seinem Wesen fremd bleiben muss. Modische Strömungen nötigen ihm keinen Kompromiss auf. Das Festhalten an figürlichen Themen hat bei ihm nichts zu tun mit irgendwelcher Absicht, das Verständnis zu erleichtern oder dem Beschauer gefällig zu sein. Vielmehr entscheidet das schöpferische Prinzip, das der Farbe Vorrang einräumt und kraft farbiger Struktur Spannung erzeugt, zugleich einen schwer zu definierenden Eindruck des Räumlichen. Das Gegenständliche besitzt in den Bildern Voigts keineswegs den Charakter eines direkten Hinweises auf bekannte Gestalt, es ist eher vom Wesen her zu identifizieren. Die Gesichter, denen man da begegnet, sind nicht individuell geprägt, sondern sie offenbaren menschliches Dasein, mehr zu ahnen als zu analysieren. Es entsteht ein Raumgefühl, das seinen Ursprung nur aus Farben herleitet, ihrer Transparenz selbst im dichten Flächengewebe. Voigt verfügt über eine durchaus originale Methode, Tiefe zu erreichen. Die Verführung literarischer Darstellung scheint für ihn nicht zu existieren. Es handelt sich immer um den genauen Einsatz künstlerischer Mittel, ohne abschweifende Erleichterung, ohne Nachlassen in der bis in jeden Bildzentimeter dringlichen Komposition. Gerade solche Voigt kennzeichnende farbige Prägung ist in schwarz-weißer Reproduktion nicht deutlich zu machen. Unfarbige Beispiele erschienen daher angemessen: neben zwei frühen grafischen Blättern vor allem die Zeichnungen (S. 26/27), die jüngst entstanden und das Formgefüge das Künstlers typisch repräsentieren, ebenfalls den unmanierierten Ernst, der Peter Voigt strikt dazu verpflichtet, sich selbst in eigener Bildsprache zu verwirklichen. Mit dem Werk dieses Malers und Grafikers verbindet sich schon heute unverwechselbarer Ausdruck.

Heinrich Mersmann

Braunschweig. Aus dem kulturellen Leben, Georg Westermann Verlag (Hg.), Braunschweig 1961, S. 24–27.