PETER VOIGT

Peter Voigt

In Berthold Brechts ‚Bemerkungen zur bildenden Kunst‘ – geschrieben zwischen 1935 und 1939 – stehen folgende Sätze, die ich meinen Ausführungen voranstellen möchte. Gerichtet an den „Arbeiter, der ein Maler ist“, formuliert Brecht – und ich richte diese Worte an Dich, Peter Voigt:

„Da du ein Maler bist, wollen wir gern wissen, wie du die Dinge siehst. Sicher siehst du sie anders als wir, denn du hast einen feineren Sehnerv. So gewinnst du den Dingen Seiten ab, die wie ihnen nicht abgewinnen. Das Sehen verschafft dir Genüsse, die es uns nicht verschafft, aber du kannst uns diese Genüsse verschaffen, diese Sehgenüsse: durch deine Bilder.“ (Brecht, Gesammelte Werke 18, 1967, S. 270.)

So freue ich mich, dass die Galerie Heide Freiberg uns heute die Möglichkeit bietet, neuere Arbeiten von Peter Voigt kennenzulernen. Den Maler vorzustellen, hieße in Abwandlung des Sprichworts ‚Löwen nach Braunschweig tragen‘. Seit beinahe 35 Jahren hat er als akademischer Lehrer Freie Malerei unterrichtet, als Rektor, Prorektor und Senatsmitglied das heutige Gesicht der HBK wesentlich mitgeprägt. Seine Verdienste als Künstler und Kulturpolitiker heute zu würdigen, ist nicht meine Aufgabe. Dies wird im Herbst dieses Jahres zum Abschied seiner Lehrtätigkeit in einer großen Ausstellung geschehen, die Peter Voigt künstlerisches Werk in einem Überblick zeigen wird. Aus diesem umfangreichen Œuvre präsentiert Heide Freiberg bereits jetzt eine kleine, in sich geschlossene Werkgruppe von Arbeiten, die fast alle innerhalb des kurzen Zeitraums von zwei Jahren 1988 / 89 entstanden sind. Als eigenständige Bilder stehen zwischen großformatigen Ölbildern wie Große Geste und Theater von 1987, die jüngst in Hannover zu sehen waren, einigen Porträts und den eben fertig gewordenen Arbeiten, die das Thema des Prager Judenfriedhofs reflektieren.

Von der Technik her sind die hier gezeigten Blätter Gouchemalereien, also Arbeiten mit deckenden Wasserfarben, die Peter Voigt in unorthodoxer Weise mit Farbstift, Pastell, Tuschezeichnung und Sepia mischt. Farbig meist stark reduziert auf Blau-, Grau- und Brauntöne, deren vielfältige Mischungsmöglichkeiten und Farbdifferenzierungen er meisterlich beherrscht, können sie durch eine leuchtend rote Überzeichnung oder treffend eingesetzte gelb oder orangene Fläche plötzlich im Ausdruck gesteigert werden. Gemeinsam ist den Arbeiten außer ihrer großen malerischen Qualität und zeichnerischen Sicherheit eine spontane Kraft, die seine Bildeinfälle – wie es scheint – mit Leichtigkeit festhält. Die ‚Freiheit der Improvisation‘ (Werner Haftmann, 1990) lässt sich im kleinen Format leichter bewahren, als im großen Ölbild. Die Spontaneität des künstlerischen Prozesses von der leisesten Handbewegung bis zur heftigen Geste bleibt in ihrer Frische in ihrer scheinbaren Zufälligkeit erhalten. Apropos Zufall und künstlerischer Prozess: Francis Bacon beschrieb in einem Interview die Entstehung seiner Bilder so:

„Sehen Sie, in meinem Fall werden alle Bilder – und je älter ich werde umso mehr – zu einer Zufallserscheinung. Ich sehe sie voraus und arbeite sie doch kaum je heraus, wie ich sie vorhersehe. Das Bild ändert sich beim Malen. Ich weiß tatsächlich oft nicht, was das Material macht, und es tut vieles besser, als ich es tun könnte. Vielleicht könnte man sagen, es ist kein Zufall, da es ein Auswahlprozess ist, welchen Teil des Zufalls man bewahrt.“ (Nach: Claus, J., Kunst heute, 1967, S. 184.)

Ich tue Peter Voigt sicher nicht Unrecht, wenn ich zur Verdeutlichung der künstlerischen Entstehung seiner Blätter in Mischtechniken die prägnanten Worte des englischen Malerkollegen zitiere. Ähnliches lässt sich, wie ich aus Gesprächen weiß, auch in seinem Vorgehen beobachten.

Noch etwas anderes: Die Frische und Unmittelbarkeit seiner Handschrift ruft Erinnerungen an barocke Ölskizzen, an Bozzetti hervor. Und gerade deswegen ist es zu betonen, dass wir hier keine Skizzen, keine Vorzeichnungen oder Entwürfe für großformatige Arbeiten vor uns haben. In einem Fall ist dies sogar genau umgekehrt: Das kleine, sehr dichte Blatt Theater entstand später als das erwähnte große Ölbild von 1987. Die Ölskizzen des 17. / 18. Jahrhunderts hatten andere Funktionen: Sie bestimmten in einem ersten Anlauf Komposition und Farbe für eine meist größere Ausführung; sie konnten dem Auftraggeber als Modell dienen oder auch dem Künstler für weitern Gebrauch dienlich sein; als Wiederholung des fertigen Werkes, als ‚ricordo‘, blieben sie in der Werkstatt als Arbeitsmaterial zurück oder wurden als Reproduktion verkauft. Das wachsende Interesse von Sammlern und Händlern verstärkte dann im 18. Jahrhundert die Entstehung der autonomen, selbständigen Skizze, in der man erste Ideen eines Malers manifestiert sah. Allenfalls hier sind gewisse Berührungspunkte zu den Blättern Peter Voigt gegeben.

Die Besprechung einer früheren Ausstellung in der Braunschweiger Zeitung vom 02.12.1980 hat auf die enge Verbindung und die sich gegenseitig bedingenden Elemente der künstlerischen ‚Form‘ und des ‚gegenständlichen Gehalts‘, des inhaltlichen Themas also verwiesen. Welches sind nun die Inhalte von Voigts Bildern? Was drücken seine Blätter aus?

Der Maler selbst hat die Themen seiner Bilder einmal aus „ausschließlich figurativ“ bezeichnet. „Menschen in Kommunikation, auch in der Unfähigkeit des verstehenden Miteinander“, beschrieb er sie (Katalog HBK Braunschweig. 25 Jahre, 1987/88, S. 157.) Knapp, zurückhaltend, eher im allgemeinen bleibend und nicht anekdotisch deskriptiv sind seine Bildtitel formuliert: Figur mit Schatten, Geste, Vor dem Spiegel, Zwei plus eins, Theater oder Metamorphose. Nicht in illustrativ dargestellter, aktionischer Handlung, sondern in der Malerei selbst muss nach seiner Meinung die Tiefe der Arbeiten sichtbar werden. Es sind Bilder vom Menschen, die er uns zeigt. Man hat vom Künstler als „sensibelstem Seismographen“ gesprochen (Georg Schmidt, 1958), der auf die sich ständig verändernde Umwelt reagiert, sei sie bedrohlich oder beglückend. Dies gilt auch hier. Es ist nicht das aggressive sozialkritische Engagement, sondern das stillere Reagieren aus der Erfahrung und Beobachtung. Anknüpfend an eigene geschichtliche Erfahrung nimmt diese Malerei mit Ernst Anteil an der allgemeinen Geschichte. Die intensive Beschäftigung mit dem geschichtlichen Wesen Mensch, erscheine es in skulpturaler Monumentalität, sei es vom eigenen Schatten förmlich bedroht oder bleibe es isoliert, verdeutlicht Situationen, die uns allen bekannt sind. Erscheinen zwei oder mehr Personen auf einem Blatt, so sind sie meist gerade nicht aufeinander bezogen. Es treten trennende, unbestimmte Elemente wie Spiegel oder Fenster zwischen sie. Oder sie spielen einander ‚Theater‘ vor, verstecken sich im wörtlichen Sinn hinter allerlei Masken. Kritische Momente werden aufgezeigt, ohne darin nur etwas Negatives zu sehen. Denn das Bewusstsein der Krise, das Erkennen der Gefährdung birgt ja bereits die Möglichkeit in sich, positiv zu reagieren, ihr zu entkommen und dadurch zu wachsen. Ich sehe also auch in diesen Blättern die engagierte Äußerung eines künstlerischen Gewissens, das dezidiert Stellung bezieht.

Noch ein kurzes Wort zum Schluss: Einleitend hatte ich Bertold Brecht zitiert, der vom Sehgenuss sprach, den der Maler durch seine Bilder vermitteln könne. Der gleiche Autor wendet sich jedoch auch an den Betrachter der Kunst, also an Sie, an uns, wenn er zur ‚Betrachtung der Kunst und Kunst der Betrachtung' (1939) schreibt (ebda. Bd. 18, S. 274.):

„Wenn man zum Kunstgenuss kommen will, genügt es ja nie, lediglich das Resultat einer künstlerischen Produktion bequem und billig konsumieren zu wollen; es ist nötig, sich an der Produktion selbst zu beteiligen, selbst in gewissem Umfang produktiv zu sein, einem gewissen Aufwand an Phantasie zu treiben, seine eigene Erfahrung der des Künstlers zuzugesellen oder entgegenzuhalten und so weiter. Selbst der nur isst, arbeitet: zerschneidet das Fleisch, führt den Bissen zum Mund, kaut. Den Kunstgenuss kann man nicht billiger bekommen.“

Zu diese Beteiligung an der künstlerischen Produktion von Peter Voigt möchte ich Sie nun auffordern.

Johannes Zahlten

Eröffnung der Ausstellung am 11.03.1990 in der Galerie Heide Freiberg, Braunschweig