PETER VOIGT

Peter Voigt – Malerei und Graphik

1925 – 1990 – 2015

Drei Jahreszahlen bestimmen den heutigen Abend. Neunzig Jahre sind vergangen seit der Geburt Peter Voigt am 19. Februar 1925 hier in Braunschweig. Das Werk eines Künstlers gilt es zu ehren, so wie zuletzt Peter Voigts nur um wenige Jahre jüngere Weggefährten Emil Cimiotti (geb. 1927) und Malte Sartorius (geb. 1933) an gleicher Stelle mit Einzelausstellungen gewürdigt wurden. Doch während diese bis zum heutigen Tage künstlerisch aktiv sind – nulla dies sine linea, um mit Apelles, dem berühmtesten Maler der Antike, zu sprechen: kein Tag ohne Linie –, ist Peter Voigts Œuvre unvollendet und ohne Alterswerk geblieben. Dieses hätte nach Beendigung des aktiven Hochschuldienstes entstehen sollen. Hätte sollen, denn völlig unerwartet verstarb der Künstler mit nur 65 Jahren in seiner Heimatstadt am 13. September 1990. Ganz bewusst wird diese kleine Gedenkausstellung am 25. Todestag Peter Voigts schließen.

Das Gedenken an Peter Voigt ist zweifellos ein individuelles, die dabei vorherrschende Stimmung ebenso: Freude, Wehmut, Trauer, vor allem aber Dank. Dank für die technisch virtuosen Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Lithographien. Dank für die unaufdringlich und deshalb umso prägnanter gestalteten Innenräume. Dank vor allem für die in ihrem bewussten Abstraktionsverzicht oftmals schwer verdaulichen, ja zutiefst irritierenden und schockierenden Bildfindungen, die kollektiven und persönlichen Traumata Ausdruck verleihen.

Unser Dank gilt am heutigen Tage in besonderer Weise auch Brigitte Voigt, der Witwe des Künstlers. Hat sie doch das Städtische Museum Braunschweig so überaus großzügig beschenkt und sich von drei wichtigen Werken ihres Mannes getrennt, die die Museumssammlung von Werken Peter Voigts auf das glücklichste ergänzen und erweitern. Hoch anzurechnen ist ihr dabei besonders ihre Langmut. Bereits 2007 war Frau Voigt an das Museum herangetreten mit dem Angebot, sich etwas aus dem Nachlass ihres Mannes auswählen zu dürfen. Obwohl die damaligen Kollegen sofort begeistert waren ob des generösen Angebots, sind seitdem acht Jahre vergangen. Das Museum wurde geschlossen, renoviert, neu eingerichtet und eröffnet, Direktoren und Kuratoren wechselten mehrfach, mit diesen auch die favorisierten Werke. Im Frühjahr 2015 nun zogen drei wichtige Gemälde Peter Voigts in das Haus am Löwenwall ein. Fasziniert von der Kraft dieser drei, an prominenter Stelle im Hauptraum der Ausstellung präsentierten Arbeiten: In roten KistenNarrenschiffEin Rest Blau kam sofort die Idee auf, diese Gabe in einer Ausstellung zu präsentieren. Erst danach traten anstehenden Jahrestage Peter Voigts ins Bewusstsein. Somit war klar, dass die Ausstellung nur 2015 erfolgen könnte. Und tatsächlich fand sich in diesem Jahr ein Zeitfenster. Angesichts der extrem kurzen Vorlaufzeit war an eine umfassende, mit Leihgaben bestückte Werkschau allerdings nicht zu denken. Es lag deshalb nahe, die Bestände des eigenen Hauses erstmals umfassend vorzustellen, vermehrt um einige wenige Leihgaben aus der Stadtbibliothek und von der Familie Voigt. Sie helfen, den Blick auf das Werk Peter Voigts abzurunden. Dennoch wird mancher Aspekt des Œuvre Peter Voigts aufgrund der Beschränkung zwangsläufig fehlen.

Peter Voigt wuchs in einer spannungsreichen, politisierten Zeit auf, seine Jugend war geprägt von der das Individuum manipulativ zu umfassen trachtenden, menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches und vom Zweiten Weltkrieg. Einen Gegenpol dazu dürfte das familiäre Umfeld gebildet haben, in dem die Politik - allerdings mit anderen Vorzeichen – gleichfalls eine wichtige Rolle spielte. Peter Voigts Vater Richard Voigt (1895–1970) war SPD-MitgIied, seit 1925 Ratsherr der Stadt Braunschweig und 1933 kurzfristig Mitglied des Braunschweigischen Landtages. Diese Mandate musste er 1933 niederlegen, ebenso wie er bereits 1931 von der Landesregierung, an der damals bereits die NSDAP beteiligt war, als Schulrat in Helmstedt abgesetzt worden war. Nach dem Krieg beteiligte sich Richard Voigt am Wiederaufbau der SPD, wurde Landrat und Oberkreisdirektor in Helmstedt, saß 1951–1967 im Niedersächsischen Landtag und gehörte den Landesregierungen unter Hinrich-Wilhelm Kopf (1893–1961) und Georg Diederichs (1900–1983) in den Jahren 1948–1955 sowie 1959– 1963 als Kultusminister an.

Es könnte nahe liegen zu vermuten, dass Peter Voigt aufgrund dieses familiären Hintergrunds den Auftrag erhielt, die SPD-Oberbürgermeister Ernst Böhme (1892–1968), Martha Fuchs (1892–1966) und Bernhard Ließ (1926–2011) zu portraitieren. Doch nichts ist falscher als das. Ausschlaggebend waren künstlerische Präferenzen der Auftraggeber und vor allem das bereits gewonnene Renommee des jungen Künstlers – das Bildnis von Ernst Böhme schuf Voigt 1958 im Alter von 33 Jahren. Nach dem Besuch der hiesigen Werkkunstschule und Studien in Hamburg und Berlin sowie Reisen nach Frankreich, Italien und Schweden, war Voigt seit 1953 freiberuflich als Künstler tätig gewesen. Er hatte bereits mehrfach außerhalb Braunschweigs ausgestellt und ein Jahr zuvor – 1957 – Fenster für den Neubau des hiesigen Krematoriums entworfen sowie den RudoIf-Wilke-Preis der Stadt Braunschweig verliehen bekommen. Er war also absolut kein Unbekannter – im Gegenteil. Dennoch sollte erst ein Jahr später, 1959 in der Galerie Schmücking die erste Einzelausstellung des Künstlers vor Ort zu sehen sein, der sich in schneller Folge bis 1961 Einzelschauen in Bremen, Oldenburg, Stuttgart, Augsburg, Mailand und Rom anschlossen.

Physiognomie und Seele des Gegenübers erfasst Voigt in seinen Bildnissen mit klarem Blick und mutig eingesetztem Pinsel. Distanz und Nähe, Würde und Aura strahlen die Bildnisse Peter Voigts aus, umso beeindruckender je vertrauter ihm das Gegenüber war. Neben den Bildnissen zählen die Landschaften und Stadtbilder wohl zu den populärsten Arbeiten Peter Voigts. Das Städtische Museum Braunschweig schätzt sich glücklich, einige großformatige Arbeiten zu besitzen, die das Braunschweig der Nachkriegszeit thematisieren. Es sind keine Klagen über das Verlorene, keine Darstellungen trostloser, Trümmer gesäumter Straßen oder fensterloser Häuser. Nein, die Gemälde und Zeichnungen strahlen einen Optimismus des Aufbruchs, des Aufbaus einer neuen, demokratischen Gesellschaft. Die große Ansicht Braunschweig von Westen kann erstmals nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit gezeigt werden, hängt es doch üblicherweise im Vorzimmer des Oberbürgermeisters im Rathaus. Nun wird es die Besucher gemeinsam mit den Bildnissen der Braunschweiger Honoratioren im ersten Ausstellungsraum begrüßen. Dort finden sich auch Beispiele für Peter Voigts künstlerische Gestaltungen von Innenräumen öffentlicher Bauten – neben dem bereits genannten Krematorium auch das Heidbergbad – oder sein Wirken als Buchillustrator. Dieses beeindruckende und vielschichtige Werk bildet aber keineswegs den Kern von Peter Voigts künstlerischem Wollen, es sind Nebengleise, Auftragsarbeiten – wie es wohl auch von ihm so verstanden wurde.

Neben Photographien, die Peter Voigt im Atelier zeigen, sind auch ein Lithographie-Stein und die beiden Platten einer Farbradierung zu sehen. Sie lenken den Blick nicht nur auf den äußerst spannenden Entstehungsprozess derartiger Druckgraphiken – Peter Voigt hatte in Hamburg Freie und Gebrauchsgraphik studiert –, sondern auch auf den freien, aus sich selbst heraus schöpfenden Künstler. Aber sein mit Engagement seit 1956 betriebenes Lehramt für Freie Malerei – zunächst an der Werkkunstschule, ab 1963 an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste (SHBK) und seit 1978 an der aus dieser hervorgegangenen Hochschule für Bildende Künste – ließen dem ausgebildeten Kunstpädagogen nicht immer den gewünschten Freiraum zum eigenen Schaffen. Zumal er zwischen 1967 und 1978 als Rektor bzw. Prorektor auch zusätzlich noch in die Verwaltung der SHBK eingebunden war. Das dennoch neben diesen Pflichten entstandene Werk ist beeindruckend ob der thematischen, technischen und stilistischen Vielfalt und Tiefe. Diesem freien Werk, seinem eigentlichen ist der zweite Ausstellungssaal gewidmet.

Peter Voigt gab mit seinen Werktiteln, Hinweise zur Entschlüsselung der auf den ersten Blick oftmals in einem diffusen Zwischenraum zwischen Abstraktion und Figuration angesiedelten Bildfindungen. Es handelt sich um Historienbilder im besten Sinne, dem traditionell-akademischen Kanon zufolge die ranghöchste der malerischen Gattungen. Während die Portrait-, Stillleben- und Landschaftsmalerei primär das Ziel verfolgt, Gesehenes adäquat wiederzugeben, will die Historienmalerei Geschichten erzählen – profane, sakrale, transzendente – und somit über den reinen gegenständlichen Abbildcharakter eine weitere, intellektuelle Ebene legen. Künstler und Betrachter treten dabei über das Medium des Kunstwerkes in einen Dialog ein. „Was mich immer interessiert, ist der Mensch…“, wird Peter Voigt in einem Artikel der Braunschweiger Presse vom 13. März 1956 zitiert. Aber es ist gerade nicht in erster Linie das klar erkennbare Individuum gemeint, sondern der Mensch an sich, das Individuum in seinem Verhältnis zum anderen, in seinem Verhältnis zur Masse, zum übergeordneten Gemeinwesen, aber auch die Negierung des Individuums, seine Einsamkeit in der Masse, der Wunsch nach Kommunikation mit dem und Kontakt zum Nächsten sowie deren Unmöglichkeit, die Maskierung als Mittel des Selbstschutzes.

Ohne konkrete Ereignisse zu thematisieren, ist Peter Voigts Werk ein höchst persönliches – das Erleben und die Reflexion des Einzelnen werden dennoch zum Ausdruck vieler. Anlässlich der im Herbst 1977 in der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste stattfindenden Ausstellung mit Werken der Professoren und Lehrkräfte, zu der Voigt nur ein Gemälde beigesteuert hatte, hob Heinrich Mersmann, der Rezensent der Braunschweiger Zeitung denn auch hervor: „Peter Voigts Malwerk regt in einem Maße zur Zwiesprache an, wie es längst nicht mehr selbstverständlich ist. Das Gleichgewicht von Form und Inhalt macht aus der Gestaltengruppe eine Chiffre menschlichen Verhaltens. Für manchen ein Spiegelbild.“

Es lassen sich Themengruppen umreißen, an denen sich Peter Voigt abgearbeitet hat. Von diesen sind auch einige im Bestand des Städtischen Museums Braunschweig vertreten. In das privateste Bezugsgeflecht führen die Farbradierungen Kleine Familie und Zwillinge, beide aus den frühen 1960er Jahren. Bei der Kleinen Familie handelt es sich um die Darstellung von drei voneinander isolierten Figuren und somit um die kleinste denkbare Personenzahl mag als vollständig verstanden werden. Doch bleiben Fragen. Ist mit der Kleinen Familie eine bestimmte, vielleicht seine eigene gemeint? Das lässt sich nicht beantworten und war auch nicht die Intention des Künstlers. In der Kombination mit den benachbart präsentierten Zwillingen drängt sich aber dieser Gedanke auf. Das Zwillingsthema durchzieht das Werk Peter Voigts und ist zweifellos biographisch geprägt. Peter Voigts Zwillingsbruder fiel in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges. Die Einheit in der Zweiheit zerbrach, ein Teil des Ichs wurde begraben, die ergänzende Hälfte war verloren und deshalb umso präsenter. In diesen Werken wird aber nicht nur der Verlust und die Trauer Peter Voigts mehr be- als verarbeitet, sondern zugleich die Trauer und der Verlust, den Millionen von Menschen durchlitten – „ein Spiegelbild für manchen“, wie Heinrich Mersmann schrieb. Unmittelbar bedrückender ist ein weiterer Themenkreis, der sich mit Gefangenschaft auseinandersetzt. Es sind Bildfindungen, die in ihrer Nahsicht von mehrstöckigen, eng mit elenden Gestalten belegten Betten Beklemmung und Betroffenheit auslösen. Eine weitere Stufe des Grauens vermittelt In roten Kisten von 1969. Mag man auf dem ersten Blick denken, es handele sich um die Wiedergabe eines viergeschossigen Etagenbettes mit jeweils zwei, Kopf an Kopf liegenden Personen, wird dem Betrachter bald schon bewusst, dass es sich um Tote handelt. Die Umstände ihres Todes werden nicht thematisiert - woran sind sie gestorben, durch wen ums Leben gekommen? Assoziationen drängen sich auf und werden mit dem, nicht in der Museumssammlung befindlichen Gemälde KZ von 1968, Gemälde KZ von 1968 benannt.

Wenige Jahre später, Mitte der 1970er Jahre, tauchen Gefangenenbilder wieder im Werk Peter Voigts auf. Nun aber besitzen sie eine eine Bildsprache, die dem Betrachter eine größere emotionale Distanz bietet. Die Gefangenen und Toten sind zu Teilen von Bücherbildern und Geschichtsbüchern geworden. Das kaum Benennbare, das Grauen der Konzentrationslager und des Holocaust und darüber hinaus die Abgründe, zu denen Menschen dem Menschen gegenüber fähig sind, werden eindringlichst vor Augen geführt und dem Betrachter als Reflexionsfläche angeboten. Geht man zu weit, in den genannten Themenkreisen Medien zur Verarbeitung der individuellen und kollektiven Traumata von Nazi-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg zu sehen? Es sind dauernde Mahnungen zur Wachsamkeit und zum Nichtvergessen. Und deshalb möchte ich zu den Jahreszahlen 1925,1990, 2015 auch das Jahr 1945 setzen, ohne welches das Leben und Werk Peter Voigts ein anderes gewesen wären.

Zum Schluss möchte ich auf eine dritte, vermeintlich fröhliche Werkgruppe zu sprechen kommen. Es sind Arbeiten mit Titeln wie Theater oder Vor dem Auftritt. Es sind Bilder aus der Welt der Bühne, die Protagonisten sind in ihr Kostüm geschlüpft, warten auf den Auftritt. Was sehen wir? Nicht mehr den Menschen und auch noch nicht die durch den Schauspieler zu verlebendigende Bühnenrolle. Das Kostüm, die Schminke verbergen das Ich des Künstlers, täuschen vor, ein anderer zu sein. Ähnlich scheint es sich im Falle des großformatigen Gemäldes Narrenschiff zu verhalten. Sieben, möglicherweise zu einem Kostümball verkleidete Personen sind in Nahsicht auf einem Segelboot zusammengeführt. Wohin mag die Fahrt gehen? Ist es Zufall, dass die Assoziation zur Überfahrt über den Styx aufkommt, dem Fluss in der griechischen Mythologie, der auf dem Weg in die Unterwelt passiert werden muss? Im Mittelpunkt der Komposition umfasst voller Begierde ein Mann im Anzug eine Ballschönheit und versucht sie zu küssen. Doch haftet sein Mund nur an den roten Lippen einer Maske. Die Larve wird zum Mittel der Täuschung und zugleich zum Medium des Schutzes der sich hinter ihr verbergenden Persönlichkeit. Ähnlich vielschichtig sind die Interpretationsmöglichkeiten bei der dreiteiligen Farbradierung Wenn es dunkelt, der Lithographie Fließband oder dem Ölgemälde Denkmal. Der Idee, die hinter dem vermeintlich Offensichtlichen verborgen sein könnte, gilt es nachzuspüren, vielleicht als Reflexionsfläche für das eigene Sein anzunehmen,

Peter Voigt schuf seine Werke natürlich auch immer unter formal-künstlerischen Aspekten, gab ihnen Titel, aber er kommentierte und erklärte sie nicht. Das hätte ihre Wirkung und Ambivalenz zu sehr eingeengt; es dem Betrachter zu leicht gemacht. Und so bleibt der Betrachter eingeladen, in den Dialog mit dem Werk Peter Voigts einzutreten, dass auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Andreas Büttner

Peter Voigt. Malerei und Graphik. Städtisches Museum Braunschweig (Hg.), Braunschweig 2015, S. 19–24.